KUNSTSAMMLUNGEN DER RUHR-UNIVERSITÄT BOCHUM

SITUATION KUNST (FÜR MAX IMDAHL) 

 

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Richard Serra: Circuit, 1972/1989. Fotografie: Werner J. Hannappel. Richard Serra und Werner Hannappel (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2010.

Situation Kunst (für Max Imdahl) ist Teil der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum. Auf dem Campus der Universität befindet sich das 1975 eröffnete Museum mit der Sammlung Moderne und dem Antikenmuseum. Die Dependance und Erweiterung der Moderne-Sammlung, die Situation Kunst (für Max Imdahl) befindet sich in Bochum-Weitmar. Die Vorbereitungen zu diesem Museums- und Sammlungsprojekt datieren in die 1980er Jahre. Der Galerist Alexander von Berswordt-Wallrabe widmete dem Ordinarius des Kunstgeschichtlichen Instituts der Ruhr-Universität Bochum, Max Imdahl (1925-1988), ein museales Ensemble, in dem Architektur und Sammlung in enger Beziehung stehen.

Die räumliche Interaktion von Exponaten und situativer Architekturgestaltung fußt auf einem Kunstverständnis, das – Max Imdahl zufolge – für eine anschauungsorientierte Seh- und Kunsterfahrung sowie Bildanalyse plädiert. Nach Imdahl galt es, die "Erkenntnis in den Blick zu rücken, die ausschließlich dem Medium des Bildes zugehört und grundsätzlich nur dort zu gewinnen ist". Sein Anliegen war es, "sehendes" und "wiedererkennendes Sehen" im Prozess der Bildanschauung zum "erkennenden Sehen" zu vereinen (Imdahl, Giotto Arenafresken, München 1988, 43, 45, 97). Als universitäre Lehrsammlung und zugleich verändertes Museumsmodell verdankt sich Situation Kunst schließlich insbesondere der Initiative des Galeristen und Stifters Alexander von Berswordt, der auf Basis des Imdahlschen Ansatzes veränderte Ausstellungsmethoden erprobt hatte. Mit der Schenkung von Situation Kunst an die Universität 1990 legte er den Grundstock für eine Erweiterung der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum.

Mit dem zweiten Bauabschnitt 2006 gelang eine nochmalige Konkretisierung des musealen Konzeptes. Der architektonische und der landschaftliche Kontext wurden in engster Abstimmung mit den künstlerischen Arbeiten gestaltet. Die von Alexander und Silke von Berswordt konzipierte und realisierte Raumchoreografie und Präsentationsstrategie folgt der ortsspezifischen Logik. Am Park von Haus Weitmar gelegen, steht das sachlich-kubische Bauensemble aus grauem Zementstein gleichermaßen in Bezug wie Kontrast zum historisch gewachsenen Umfeld des englischen Landschaftsgartens. Arbeiten von Ulrich Rückriem oder Lee Ufan aus dem Besitz der Stiftung Situation Kunst ergänzen die Sammlung der Ruhr-Universität und finden ihren Platz im zusätzlichen Ausstellungsraum um das kubische Bauensemble. So sind Sammlungsgeschichte und Bestand von Situation Kunst nicht von ihrem architektonischen und landschaftlichen Kontext zu trennen.

Die Sammlung umfasst Künstler und Werke seit den 1950er Jahren bis in den Bereich der Gegenwartskunst. Nicht vergleichende historische Entwicklungslinien sind im Gang durch die Ausstellung zu verfolgen, vielmehr gibt sie die Exponate der anschaulichen Betrachtung in bruchhaft sequenzieller Inszenierung preis. Das Werkspektrum wird durch asiatische und afrikanische Kunst der Stiftung Situation Kunst ergänzt und schließt somit auch außereuropäische Räume in die Vermittlung ästhetischer Kunsterfahrung ein, Werke, die bis heute meist in anderen, kunstfernen Rezeptions- und Ausstellungszusammenhängen präsentiert werden.

Die Anlage des auf zwei unterschiedlichen Niveaus platzierten Gebäudeensembles folgt einem festgelegten Ausstellungskonzept und Pfad durch Gelände und Räume. Die unteren, 1980 im Zuge der ersten Bauphase entstandenen Kuben wurden auf die dort ausgestellten Arbeiten hin – so Maria Nordmanns Room with two doors, David Rabinovitchs Tyndale Sculpture oder auch Richard Serras 1972 auf der Documenta 5 erstmals präsentierte Arbeit Circuit – und in Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden konzipiert. Sie dokumentieren die provozierten Wechselwirkungen von Sammlung, Architekur und Raum insofern besonders unmittelbar.

Der jüngere und höher gelegene Erweiterungsbau mit seitlichen Höfen führt dagegen mit Arbeiten, teilweise aus dem Besitz der Stiftung Situation Kunst, von Ad Reinhard, Robert Ryman und Jan J. Schoonhoven in wechselvollere und dialogisch angelegte Sammlungs- und Ausstellungskomplexe ein, die als "Schule des Sehens" gleichsam für das Bild sensibilisieren. (Ab-)bild negierende Tendenzen in der US-amerikanischen Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verweisfreie, kunstimmanente Bildlichkeit und analytische Ansätze, die sich selbstreferenziell der Malerei zuwenden, werden mit jüngeren künstlerischen Positionen konfrontiert, die erkennbar strukturelle und tiefenräumliche Bezugfelder eröffnen. Das in der Folge mehrfache Alternieren von lichten, konzentriert beleuchteten und abgedunkelten Ausstellungsräumen setzt das bereits eingangs entwickelte Motiv einer Wahrnehmungs- und Betrachtungssensibilisierung fort.

Auf den Ausstellungsbereich asiatischer Skulpturen aus den vergangenen 6000 Jahren führen Wege einerseits zu Gianni Colombos Lichtinstallation Zoom Squares (1967/68), andererseits zu Dan Flavins Leuchtstoffröhren-Objekten, wobei der Ausblick in Höfe und Außenraum mit den dort platzierten Arbeiten (u.a. Serras Skulptur TOT, 1977) die Raumfolge stets permeabel hält. Den Dynamisierungen im Wechselspiel von Objekt, Licht und Raum folgen kalligrafischen Setzungen Lee Ufans und damit der Rückbesinnung auf Zeichnung und Malerei. Ein erneuter Raumwechsel leitet über den Ausstellungsraum afrikanischer Skulpturen aus dem Benin und Nigeria in ein gleichermaßen raumbezogenes wie raumgreifendes Environment François Morellets.

Dem Status einer universitären und öffentlichkeitsbezogenen Kunstsammlung wird Situation Kunst mit den Arbeitsräumen und Vortragssälen für Vorträge und Kolloquien in den Untergeschossen der Gebäude gerecht, in denen neben der Bibliothek zum Sammlungsbestand, dem Video-Archiv zu Künstlern der Gegenwart und dem Nachlass Max Imdahls ein Bereich für Wechselausstellungen eingerichtet ist, der auch im Rahmen universitärer Ausstellungsprojekte genutzt wird.

 


 

Informationen zur Sammlung der Stiftung Situation Kunst (für Max Imdahl) finden Sie unter diesem Link. (Achtung! Öffnet ein externes Fenster.)